Kolumne

Der SV N(och) A(usbaufähig) und eine Osdorf-Entwicklung, die Spaß macht

Abpfiff – Die FussiFreunde-Kolumne

26. November 2019, 12:13 Uhr

Foto: KBS-Picture.de

In unserer Kolumne „Abpfiff“ greifen wir die wichtigsten Themen der vergangenen Woche im Hamburger Fußball auf und kommentieren diese. Dieses Mal geht es um die aktuelle Situation des SV Nettelnburg-Allermöhe in der Landesliga Hansa und das bisherige Abschneiden des TuS Osdorf in der Oberliga nach dem Trainerwechsel von Piet Wiehle zu Philipp Obloch im Sommer dieses Jahres.

Als die 0:3-Niederlage des SV Nettelnburg-Allermöhe am Freitagabend im Landesliga Hansa-Auswärtsspiel beim FC Voran Ohe feststand, war klar: In Anlehnung an den Begriff „Worst case“ hätte man die SVNA-Pleite am Amselstieg mit einem humoristischen Wortspiel auch als „Woost case“ bezeichnen können, weil eben Robin Woost zwei Mal für die Oher getroffen hatte. Dieses Wortspiel freilich wäre aber dann wohl auch das Einzige gewesen, was Daniel Andrade-Granados an diesem Abend vielleicht noch ein müdes Lächeln abgewonnen hätte. Denn ansonsten war der Coach des SVNA mächtig angefressen. Angefressen, unzufreiden und restlos bedient. „Das war ein desaströser Auftritt – vielleicht der schlechteste, den ich je gesehen habe“, teilte „DAG“ jedenfalls mit und knüpfte sich seine beiden Innenverteidiger Noah Pawlikowski und Mert Altun vor, die auf dem Rasen am Amselstieg mehr rutschten, als dass sie Fußball spielten. Die Anmerkung von „DAG“ zu diesem Umstand, der der falschen Schuhwahl des Duos geschuldet war: „Kein Wunder, wenn man mit Balettschuhen auf Rasen spielen will....“

Zu brave, überforderte Youngster und das Warten auf die „Lernkurve“

SVNA-Coach Daniel Andrade-Granados und sein junges Team erlebten bislang eine alles andere als ideale Saison. Foto: Bode

Kurzum: Der Ton wird deutlicher beim Club vom Henriette-Herz-Ring. Wer aber will es Andrade-Granados auch verübeln? Zwar war es für den SVNA erst die zweite Niederlage nacheinander, insgesamt aber gab es in dieser Saison eben schon zu viele verlorene Spiele oder solche, wo das Team (mehr) Punkte liegen ließ. Genau das macht unterm Strich dann eine Platzierung kurz vor den Abstiegsrängen – und das für eine Mannschaft, die in der vergangenen Saison als Vierter des Klassements noch die beste Serie spielte, die der Verein je in der Landesliga hingelegt hat. Was ein Absturz, mag mancher an dieser Stelle nun schlussfolgern. Doch hier gilt es zu differenzieren: Die Mannschaft der jetzigen Saison ist nicht mehr die der vorherigen. Im Sommer vollzog man beim SVNA etwas, was man als doch schon recht radikalen Umbruch bezeichnen kann. Diverse Spieler mussten – aus sportlichen oder atmosphärischen Gründen – gehen, eine zweistellige Anzahl an Kickern kam neu an den Henriette-Herz-Ring. Die meisten davon: jung und talentiert. An und für sich kein schlechter Schachzug, ist doch der SVNA zum einen ein exzellenter Ausbildungs-Verein und Andrade-Granados zum anderen ein Coach, der ein Händchen dafür hat, Rohdiamanten zu schleifen und Talente (weiter) zu entwickeln. Dennoch darf hier angesichts der Tabellensituation die Frage in den Raum geworfen werden: Hat sich der SVNA verzockt und zu sehr auf die Talent-Schiene gesetzt? Nach jenem Spiel in Ohe vom vergangenen Freitag jedenfalls konstatierte „DAG“ ebenso trefflich wie vielsagend: „Meine Youngster waren überfordert – und wenn man fast nur Youngster auf dem Feld hat, ist die ganze Mannschaft überfordert.“

Eine Aussage, die den berühmten Nagel auf den Kopf trifft. Dem SVNA fehlt es nicht nur an Punkten, sondern auch an Erfahrung und Charakteren, die auch mal in der Lage sind, wie man so schön sagt, „dreckig“ zu spielen. Die junge Mannschaft präsentiert sich zu unerfahren – und zu brav. Oder anders gesagt: Ein Spielertyp, wie Andrade-Granados zu Aktivenzeiten war, fehlt dem Coach Andrade-Granados aktuell. Einer, der auch mal dazwischen haut, vorweg geht und an dem sich die Youngster orientieren können. Derzeit jedenfalls gehen die Talente unter, sobald etwas nicht läuft und – Andrades Gleichung zufolge – somit aufgrund der Menge der Youngster die gesamte Mannschaft. Zwar sind mit Kai Erschens oder Philipp Sander Spieler der „älteren Generation“ vorhanden, sie fehlen aber aufgrund von Verletzungen ebenso wie phasenweise Oliver Lubinski. Entsprechend sind Akteure wie René Seibert oder Robert Spiewak in diesem Punkt auf sich allein gestellt. Zu wenig, wie Platzierung und Probleme offenkundig offenbaren. Bliebe die Frage nach der Probemlösung: Personell im Winter mit erfahrenren Akturen, die in der Lage sind, mizureißen, nachlegen? Den Trainer in Frage stellen? Das Problem aussitzen, bis es sich von allein erledigt? Nun, das Beispiel Rahlstedter SC hat gezeigt, was möglich ist, wenn man am Coach festhält und den jungen Spielern die Zeit zum Reifeprozess und zur Entwicklung gibt. Rückschläge dieser Art, so klug dürften die handelnden Personen wie Andrade-Granados oder Liga-Manager Jan Arp sein, hat beim beim SVNA so oder so eingeplant. Fakt aber ist auch: das „N“ und das „A“ im Vereinsnamen stehen derzeit eindeutig für „noch ausbaufähig“. Die „Lernkurve“ der jungen Kicker muss in absehbarer Zeit nach oben zeigen. Ewig Zeit lässt einem so eine Saison leider nicht...

Zwischen fast vergessener Sieglos-Serie und dem Wahnsinns-Wachter

Coach Philipp Obloch (re. hier mit Assistent Mahmoud Ben-Djebbi) hat den TuS Osdorf auf dem Platz ebenso weiter entwickelt wie abseits des Feldes Manager Cemil Yavas. Foto: KBS-Picture.de

Wie das ist, wenn es nicht ganz so läuft, wie es soll – solch eine Phase kennt man auch beim TuS Osdorf. Ja, tatsächlich – auch wenn man sich fast schon nicht mehr dran erinnert, dass der Club, der momentan in der Tabelle wieder einmal auf einem einstelligen Tabellenplatz steht, in dieser Saison bereits arge Sorgen hatte. Erinnern wir uns: Am ersten Spieltag landete man einen Überraschungs-Coup an der Kreuzkirche und bezwang den FC Teutonia 05 mit 2:1. Es folgten drei Unentschieden, fünf Niederlagen und mancherorts sicher auch schon die Frage, ob der TuS denn im Sommer alles richtig gemacht hatte, als man die Zusammenarbeit mit Piet Wiehle nicht fortsetzte und Philipp Obloch, der eigentlich im Duo mit Wiehle als Coach vorgesehen war, die alleinige Verantwortung übertrug. Manch einer orakelte da schon, Obloch – zuvor in der Bezirksliga tätig – und seine Art, Fußball spielen zu lassen, würden weder nach Osdorf passen noch in der Oberliga funktionieren. Doch siehe da: Ende September gab es einen 3:1-Sieg gegen den Bramfelder SV – und zack war die lähmende Spannung der Sieglos-Serie weg und Osdorf siegte am Wochenende nach dem „Dreier“ beim Abstiegskandidaten gleich mal 4:1 vor eigenem Publikum gegen den TSV Sasel, der immerhin als eine Hausnummer in Sachen taktisch starker und mitreißender Offensiv-Fußball in der Oberliga bezeichnet werden darf. Fakt eins (analog zu Rahlstedt und als Beispiel für den SVNA): Ruhe macht sich bezahlt. Fakt zwei: Obloch und sein Fußball funkitionieren eben doch. Und Fakt drei: Auch, wenn beim Namen TuS Osdorf alles über Jeremy Wachter redet, ist diese Mannschaft so viel mehr.

In der Vergangenheit war es recht einfach, das Phänomen Osdorf auf einen Nenner zu bringen. Da waren eben Wachter, die beiden Krauses Bennet und Torben, die gefürchtete, weil emotional aufgeladene Blomkamp-Atmosphäre, eine Mannschaft, die sich mental daran hochzog und eben Gegner, die mit all dem irgendwie nicht klar kamen und einknickten. Sicher, es gibt als Kontrahent ja auch einige andere Aufgaben, die dankbarer sind, als so ein Fluchlicht-Freitag am Blomkamp. Inzwischen aber muss man fraglos attestieren: Dieser TuS Osdorf ist mehr als nur der „Underdog“, der einst nach seinem Aufstieg aus der Landesliga eine Klasse höher mal dem einen oder anderen Widersacher das Fürchten lehrte. Mehr als nur diese lärmende launische Atmosphäre, die bei Heimspielen herrscht. Und eben mehr als ihr Top-Torjäger, der aktuell schon wieder bei 24 Treffern steht. Denn: Wie soll ein Einzelner so etwas ohne entsprechend qualifizierte Teamkollegen überhaupt schaffen – und das schon zum wiederholten Mal!? Dieser TuS Osdorf ist ein inzwischen gefestigtes Konstrukt mit Spielern wie Felix Spranger. Felix Schlumbohm, Mehmet Eren, Tim Jobmann und Kevin Trapp, die seit Jahren zur Oberliga-Belegschaft zählen. Ein Konstrukt, das der umtriebige Manager Cemil Yavas mit klugen (zum Teil Youngster-)Griffen wie Toni Rohrbach, den im Hamburg kaum einer kannte, oder aber Tjark Grundmann, Jan Collet, Bryan Godts oder Nico Kukuk ergänzte. Wer Osdorf nach dem Wiehle-Abgang in Frage stellte, der darf, nein: muss, heuer feststellen: Coach Obloch ist auf dem Feld ebenso wie  Manager Yavas abseits des Platzes der Spagat zwischen dem alten und dem neuen TuS gelungen. Eine Weiterentwicklung, die Spaß macht. Nicht erst seit dem 4:4-Wahnsinn gegen Teutonia 05 vom vergangenen Wochenende... 


Jan Knötzsch

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