12.05.2019

„Raubvögel“ abgestürzt: „Es schmerzt sehr – nicht erst heute. Aber heute ist es real“

Condor abgestiegen - „Für den Verein gar nicht so verkehrt“

Ein letztes Mal führte Cassian Klammer (re.) „seinen“ SC Condor vor heimischer Kulisse als Kapitän aufs Feld. Foto: Rob Kruber

Während auf der einen Seite ekstatischer Jubel ausbrach und die erste Hamburger Meisterschaft seit 69 Jahren frenetisch gefeiert wurde, herrschte auf der anderen Seite Tristesse pur. „Es ist einfach traurig“, nahm sich Condor-Coach Florian Neumann, inmitten der AFC-Jubelarie, erstmal einen Moment für sich. Auch Minuten nach dem endgültig besiegelten Abstieg des langjährigen Oberliga-Schwergewichts saß er mit nachdenklicher Miene auf seinem Trainerstuhl. „Condor ist mein Verein, da hänge ich emotional dran, weil ich hier jahrelang gespielt habe und weiß, wie es auch anders geht. Dass man dann ein Teil davon ist, dass man absteigt, das schmerzt, hätte so nicht sein müssen und verhindert werden können.“

Nach der Niederlage gegen den AFC und dem Sieg des Wedeler TSV ist der SC Condor rechnerisch vor dem letzten Spieltag abgestiegen. Foto: Rob Kruber

Letzten Endes musste Neumann nach der knappen 1:2-Niederlage gegen den neuen Hamburger Meister ernüchtert konstatieren: „Wenn wir den Großteil der Spiele so aufgetreten wären, dann wären wir nicht abgestiegen.“ Mit dieser Meinung stand der scheidende Cheftrainer der abgestürzten „Raubvögel“ nicht alleine da. Selbst AFC-Meistermacher Berkan Algan befand hinterher: „Wenn Condor die ganze Saison so gespielt hätte, wären sie nicht da unten gewesen!“ Aber: Die Schwankungen innerhalb der Spielzeit waren zu groß. So groß, dass am Ende der bittere Gang in die Landesliga angetreten werden muss. „Ich habe mir vor dem Spiel von meiner ersten Elf gewünscht, dass wir uns gut verabschieden. Das haben wir getan – auch wenn wir verloren haben“, so Neumann, dessen Mannen früh in Rückstand gerieten, als William Wachowski einen Metidji-Pass technisch fein per Chip im langen Eck unterbrachte (11.).

„Für mich war der SC Condor als Aktiver mehr als nur Fußball“

Sowohl Trainer Florian Neumann (li.) als auch sein „Capitano“ Cassian Klammer machen den Weg beim SCC frei. Foto: Stefanie Balle

Wer nun allerdings glaubte, der Primus hätte gegen das „Kellerkind“ im weiteren Verlauf leichtes Spiel, der wurde schnell eines Besseren belehrt. Nach einer viel zu kurz geratenen Kopfballrückgabe von Eudel Monteiro nutzte Michael Löw die Konfusion und beförderte die Kugel vor Tobias Grubba zum Ausgleich in die Maschen (26.). Die Freude der Hausherren währte aber nur kurz. Keine 180 Sekunden später sah Stanislaw Lenz, der am heutigen Tag den Vorzug vor Maximilian Richter erhielt, bei einer direkt verwandelten Ecke von Onur Saglam ganz schlecht aus – 1:2 (29.)! Jenes Ergebnis zitterte der AFC mit Ach und Krach irgendwie über die Runden und konnte anschließend feiern. Ganz im Gegensatz zu den Farmsenern, die das Ruder in der Rückrunde unter Florian Neumann nicht mehr rumreißen konnten. „Man ist immer ein Teil des Ganzen und trägt etwas dazu bei – ganz egal, ob‘s positiv oder negativ läuft. Ich denke, dass wir als Trainerteam viele Register gezogen haben und auch mal andere Wege gegangen sind. Aber schlussendlich muss ich sagen, dass die Fehler in der Vergangenheit gemacht worden sind – auch mit der Kaderzusammenstellung“, so Neumann, der noch einmal verdeutlichte: „Ich habe zu diesem Verein eine besonders emotionale Verbindung, weil es als Aktiver für mich immer mehr als nur Fußball war. Man erwartet eigentlich, das hier wieder anzutreffen. Aber das war so nicht der Fall.“

„Ein Abstieg ist immer auch eine persönliche Niederlage“

Trotz des Abstiegs wäre Klammer gerne bei den „Raubvögeln“ geblieben. Foto: Rob Kruber

Nicht nur die Zeiten haben sich geändert, auch die handelnden Personen von einst sind nicht mehr da. „Meiner Meinung nach konnte man die Abgänge von ‚Matze‘ Bub und Kai Koch nie kompensieren“, hatte Kapitän Cassian Klammer bereits vor Wochen nach dem Sieg gegen HEBC gesagt. Stattdessen war der Sinkflug nicht mehr aufzuhalten. „Es belastet mich schon, als Trainer abgestiegen zu sein“, gestand Neumann – und fügte an: „Es schmerzt sehr – nicht erst heute. Aber heute ist es real.“ Nichtsdestotrotz bewies er die Größe, dem Wedeler TSV Glückwünsche zum Klassenerhalt zu übermitteln. Genauso wie sein „Captain“, der meinte: „Die haben eine super überragende Rückrunde gespielt und sich das auch verdient“, gratulierte ein sportlich-fairer Klammer, der seit 2014 am Berner Heerweg zu Hause ist. In jener Zeit hat er eine Menge mitgemacht, die Knochen für den Verein hingehalten stets alles für den Club gegeben – ob nun auf oder abseits des Platzes. „Ein Abstieg ist immer auch eine persönliche Niederlage. Darum geht‘s in allererster Linie. Die Jungs sind geknickt, weil man sich jetzt Absteiger nennen muss. Das ist so“, hatte er wie kaum ein anderer Spieler mit dem Niedergang zu kämpfen. „Aber dadurch, dass es sich abgezeichnet hat, war es für den Kopf ein bisschen leichter.“

„Wir haben zu viele, denen es egal ist, wie es mannschaftlich läuft“

„Es schmerz sehr“, gestand Neumann, der nach Jahren als Spieler im Winter als Trainer zum SCC zurückkehrte - aber einen anderen Verein wiederfand. Foto: Stefanie Balle

Doch warum war der Absturz im Endeffekt nicht mehr zu verhindern? Wie kommen diese vielen Leistungsschwankungen zustande? „Hätten wir darauf eine Antwort gefunden, würden wir jetzt hier vielleicht nicht stehen“, rätselte der 28-Jährige – und sprach dann Klartext: „Fußballerisch haben wir schon das Vermögen, Oberliga spielen zu können – das haben wir auch in einigen Spielen gezeigt. Aber, und da muss man dann auch ganz ehrlich sein, die Mentalität ist heutzutage eine ganz andere geworden. Wir haben viele Spieler dabei, die man wunderbar mitnehmen kann durch eine Saison, aber normalerweise solltest du davon im Team vielleicht zwei, drei Leute haben. Wir haben zu viele, denen es auch ein Stück weit egal ist, wie es mannschaftlich läuft, die eher auf sich selbst schauen, ob man gute Statistiken hat – oder was auch immer. Das hat uns so ein bisschen das Genick gebrochen“, haderte nicht nur er mit der zum Teil völlig verzerrten Selbstwahrnehmung einiger. „Wir hatten definitiv viel zu wenig Leute, die sich auch persönlich für das Ganze verantwortlich fühlen – und das ist dann einfach tödlich in der Oberliga. Wenn du eine Mannschaft mit guten Charakteren zusammen hast, dann kannst du die Liga immer halten. Es gibt genügend Beispiele in der Liga, wo das genau so praktiziert wird.“ Nun müsse man „daraus lernen und dann hoffe ich, dass man fürs nächste Jahr eine Truppe zusammenstellen kann, so dass es wieder bergauf geht. Das würde ich dem Verein wünschen“, hofft Klammer auf Besserung – und ist der Meinung: „Für den Verein ist es gar nicht so verkehrt, dass man den Neuanfang in der Landesliga macht.“

Klammer verlässt SCC - Verabschiedung fällt flach

Eine stilvolle Verabschiedung des Kapitäns fand vor dem Anpfiff nicht statt. Foto: Rob Kruber

Ein Neuanfang ohne den „Capitano“. Denn Klammer wird dem SCC den Rücken kehren – und das nicht auf eigenen Wunsch hin. „Das ist eine längere Geschichte...“, hatte er mit sich zu kämpfen – und erklärte uns dann auf Nachfrage: „Eigentlich waren wir uns im Winter schon einig und ich habe dem Verein gesagt, dass ich es ligaunabhängig gerne weitermachen würde. Aber man hat jetzt j auch mitgekriegt, dass weder Flo Neumann noch Ralf Rath weitermachen. Ich kenne die Gründe…“ Der Vorstand sei auf ihn zugekommen und habe gesagt, „dass man das, was Besprochen wurde, nicht halten kann.“ Seine Entscheidung, den Verein zu verlassen, habe er der Mannschaft am Donnerstag nach dem Training schweren Herzens mitgeteilt. „Aber ich habe noch keine Gespräche mit anderen Vereinen geführt, weil ich davon ausgegangen bin, nächste Saison noch hier Fußball zu spielen. Das ist nun nicht mehr der Fall.“ Ein Spieler, der sich mit dem SC Condor zu 100 Prozent identifiziert hat. Ein Akteur, der den Verein auf dem schweren Weg in und durch die Landesliga begleitet hätte. Ein Kapitän, der immer vorweg ging. Ein Charakter, der eigentlich ein Geschenk für jede Mannschaft sein müsste, nun aber offenbar nicht mehr gewollt ist. Da passte es ins Bild, dass der SCC in der jüngeren Vergangenheit in der Öffentlichkeit abgegeben hat, dass man es als Verein offenbar nicht mal für nötig hielt, die dienstältesten Spieler Till Daudert (wechselt zum TSV Sasel) und Cassian Klammer vor dem Anpfiff zu verabschieden. Allein das sagt viel über den SC Condor von heute aus…

Autor: Dennis Kormanjos

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