12.05.2019

Wedel lebt das Wunder: „Wenn du das Feuer richtig anzündest, bekommst du eine Flamme“

Ivanko-Kicker dürfen sich zu 99,9 Prozent über den Klassenerhalt freuen

Das Wunder ist vollbracht: Der im Winter noch abgeschlagene und von vielen schon abgeschriebene Wedeler TSV bleibt Oberligist. Foto: Knötzsch

Kaum hatte Schiedsrichter Jorrit Eckstein-Staben (SC Wentorf) seine Pfeife zum finalen Pfiff an den Mund gesetzt, da gab es kein Entkommen mehr. Sascha Richert, der längst ausgewechselte Mittelfeldspieler des Wedeler TSV schnappte sich mit dem Ende des Spiels gegen Concordia (Hier gibt's den LIve-Ticker zum Nachlesen) eine Flasche und sorgte dafür, dass Coach Andelko Ivanko erst einmal eine „Dusche“ über sich ergehen lassen musste. Kurzum: Die Stimmung bei den Hausherren war nach dem 5:2-Erfolg gelöst. Es waren nicht nur irgendwelche drei Punkte sondern die zum Überleben wichtigen: Durch den eigenen Sieg und die gleichzeitige Niederlage des HEBC gegen Dassendorf ist Wedel der Klassenerhalt in der Theorie noch zu nehmen, in der Realität aber wohl zu 99,9 Prozent fix.

Denn: Drei Zähler mehr und ein um 23 Treffer besseres Torverhältnis gegenüber den Eimsbüttelern weisen die Wedeler, auf die im Winter bei der Amtsübernahme von Ivanko kaum noch einer den berühmten Pfifferling hätte setzen wollen, vorm Saisonfinale am kommenden Freitag auf. Und dass der HEBC in seinem letzten Spiel in dieser Saison beim Niendorfer TSV den Unterschied in der Tordifferenz noch wettmachen kann – es ist, zugegeben: sehr unrealistisch. Und so konnte Ivanko erst einmal durchatmen, nachdem er die ersten Feierlichkeiten überstanden hatte. „Wenn die Entscheidung erst am letzten Spieltag gefallen wäre: Ich glaube, das hätte ich nicht ausgehalten“, grinste der Mann, der das „Wunder von Wedel“ möglich machte, nach dem Match. „Das war eine absolut intensive Zeit bis hierhin. Man kann sich nicht vorstellen, wie mich das mitgenommen hat. Emotional geht das absolut ans Limit“, konstatierte Ivanko, verriet aber auch: „In der Nacht vorm Spiel habe ich zum ersten Mal vor einer Partie in dieser Serie gut und ruhig geschlafen.“ Mit einer Einschränkung, wie er mit einem Augenzwinkern zugab: „Zumindest bis 5 Uhr morgens, als mein Sohn Dario vom Feiern nach Hause kam.“

Pieper-von Valtier: „Wir unterbrechen und verhindern nichts, wir stehen immer nur daneben“

Kurz nach dem Abpfiff: Wedels Kaderplaner Detlef Kebbe (Dritter v. re.) legt den Arm um Coach Andelko Ivanko, der es noch nicht fassen kann. Foto: Knötzsch

Nun, die Feierlichkeiten im Hause Ivanko werden vermutlich vorerst nicht abreißen – diesmal aber wird auch der Herr des Hauses seine Finger mit im Spiel haben, dessen Elf gegen Cordi schon früh mit 2:0 in Führung ging, den Gast dann rankommen lassen musste, am Ende aber doch die Nase vorn hatte – weil Wedel eine souveräne zweite Hälfte spielte und Cordi nicht viel von dem gelang, was die Equipe vom Bekkamp sich vorgenommen hatte: „Wir waren im Raum nicht an den Gegenspielern. Und wenn wir am Mann waren, dann nicht griffig genug und nicht mit dem unbedingten Willen, den Zweikampf zu führen und ihn auch zu gewinnen“, kritisierte Frank Pieper-von Valtier. „Wedel hat das viel besser gemacht, bei denen hat man gemerkt, dass sie es aus eigener Kraft noch schaffen können. Bei uns hatte sich durch die Niederlage des HEBC gegen Dassendorf vom Papier her alles erledigt. Man hat gemerkt, dass das in den Köpfen umherschwirrte. Dieses Spiel war ein Spiegelbild der letzten Wochen“, stellte der Cordi-Coach ernüchtert fest und ergänzte: „Dieses Verhalten in Zweikämpfen hat man immer wieder gesehen, wenn es für uns eng wird – auch gegen Altona und Buchholz schon. Wir kämpfen in den Situationen nicht und leben sie nicht, wir versuchen es zu oft spielerisch zu lösen – und das auch nicht mit Präsenz und Körpersprache.“ 


Die beiden ersten Treffer, so Pieper-von Valtier weiter, „waren exemplarisch für dieses Spiel: Es kommt nach einer Flanke jeweils zu einer Eins-gegen-Eins-Situation. Die Wedeler spielen mit Tempo, wir laufen nur mit. Das war der Unterschied in den meisten Szenen. Wir unterbrechen und verhindern nichts, wir stehen immer nur daneben.“ Ein Umstand, der Andelko Ivanko und seinen Wedelern auf dem Weg zur Finalisierung des „Unternehmen Klassenerhalt“ natürlich lieb war. Und so schickte sich der Coach an, ein Loblied auf seine Schützlinge zu singen: „Mit welcher Leistung und welchem Glauben die Jungs das geschafft haben, ist Wahnsinn. Ich habe gedacht, dass ich Einiges bewegen muss. Aber ich musste gar nicht viel tun. Wenn du das Feuer an der richtigen Stelle anzündest, bekommst du eine Flamme – und genau das war unsere Rückserie. Die Jungs haben viele Entscheidungen mitgetragen. Wenn sie zur Verantwortung hinzugezogen werden, dann läuft das auch. Man muss das bei den Richtigen machen. Keiner hat egoistisch nur an sich gedacht, sie wollten zusammen was bewegen. Dieser Nichtabstieg wird die Jungs und auch mich für die Zukunft prägen. Das sind Dinge, die der Kopf speichert. Wenn man Siegertypen zum richtigen Zeitpunkt zusammentut, dann läuft das. So, wie es bei uns gelaufen ist“, sagte Ivanko.   

Ivanko: „Wären die Jungs nicht auf einer Wellenlänge mit mir gewesen, wäre es sinnlos gewesen“

Pure Freude: Trainer Andelko Ivanko (re.) und Wedels Manager Thorsten Zessin. Foto: Knötzsch

Auch, wenn das „Wedel-Wunder“ eng mit seinem Namen verknüpft ist: „Ich wollte nie im Mittelpunkt stehen. Die Jungs haben das auf dem Platz gemacht. Wir haben zusammen etwas in den sechs Monaten vollbracht, jeder trägt ein Stückchen davon mit. Wie die Jungs alle das Vertrauen zurückzahlen, das ist der Wahnsinn. Je weniger man sich als Trainer in einen guten Lauf einmischt, desto besser. Man muss nicht durchdrehen und sich sagen, man sei ein Großer. Man hat ja beim HSV ein paar Mal gesehen, was dann passiert“, so der Wedel-Coach nach der Partie. Einer derjenigen, der ein Stück mitträgt: Detlef Kebbe. Er war es, der Ivanko ins Elbestadion lotste. „Als Kebbe angerufen hat, haben mir alle gesagt: 'Tu dir die Aufgabe nicht an. Bleib da bloß weg'. Aber er war hartnäckig, ich hatte schon zwei Mal abgesagt. Er hat gesagt: 'Ich brauche einen, der so verrückt ist, wie du. Du bist der Einzige, der das schafft. Mit einem normalen Trainer steigen wir ab'. Aber wenn die Jungs nicht auf einer Wellenlänge mit mir gewesen wären, dann wäre es sinnlos gewesen. Alleine hätte ich es nicht geschafft“, so der „Retter-Trainer“, der anschließend aus dem berühmten Nähkästchen plauderte.“

„Nachdem ich zugesagt habe, waren auf einmal alle da: Tim Vollmer hat sich aus seinem Urlaub gemeldet, Kjell Ellerbrock hat – jetzt kann man das ja erzählen – aus dem Urlaub mit gefühlt drei Promille ein Video geschickt, dass er weitermacht. Ich habe gemerkt: Okay, da passiert etwas, also lass uns das angehen. Ich habe von Tag zu Tag klarer gemerkt, dass sich diese Mannschaft noch nicht aufgegeben hat. Am Ende war aber auch viel Zufall und Glück dabei“, so Ivanko, für den in der neuen Saison die Zukunft bekanntlich auf der Trainerbank des SV Rugenbergen liegt. Wie es in Wedel weitergeht? „Ich weiß ich ehrlich gesagt nicht genau, was die Offiziellen im Hintergrund machen, Bei den Spielern haben sich einige erstmal nur auf den Nichtabstieg konzentriert und jetzt folgen Gespräche. Wir hatten in den letzten Wochen immer 22 Mann im Training, keiner hat zurückgezogen. Es war das Schwerste, den Jungs zu sagen, wenn sie mal nicht in der Anfangsformation standen“, so Ivanko. Klar aber ist: Kjell Ellerbrock, Marcus Richter, Nicolai Rörström, Jorma Eggers, Tim Vollmer und Christian Dirksen gehen. Sie wurden vorm Spiel – ebenso wie Ivanko – offiziell verabschiedet.

Jan Knötzsch

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