01.04.2019

Ein absehbarer Absturz und ein Termin, der Fragen aufwirft

Abpfiff – Die FussiFreunde-Kolumne

Foto: KBS-Picture.de

An dieser Stelle greifen wir regelmäßig die Themen des Hamburger Fußballs aus der Woche und vom Wochenende auf und kommentieren diese. Dieses Mal geht es dabei um den VfL Pinneberg, bei dem seit dem Wochenende der Abstieg der „Ersten“ aus der Oberliga als vorläufiger negativer Höhepunkt einer langen Entwicklung feststeht, und die Halbfinalspiele im ODDSET-Pokal, die am gestrigen Sonntag ausgelost wurden.

Man soll sich ja nicht selbst loben, aber: Der Schreiber dieser Kolumne könnte künftig durchaus auch als Hellseher sein Geld verdienen. Denn: Am Samstagnachmittag, lange bevor die Partien der nächsten Runde im ODDSET-Pokal gezogen wurden, lautete die Voraussage an Jean-Pierre Richter, dass der Trainer der TuS Dassendorf im Halbfinale mit seinem jetzigen Club auf seinen Ex-Verein SC Victoria treffen werden. Gesagt – und genau so wurde es dann tags darauf auch ausgelost: Richter kreuzt mit dem amtierenden Meister und Pokalsieger tatsächlich die Klingen mit Vicky, während der TuS Osdorf es im zweiten Semifinale mit dem Sieger der Partie zwischen dem Wedeler TSV und Eintracht Norderstedt, die am Mittwochabend (Anstoß: 17.30 Uhr) ausgetragen wird, zu tun bekommt.

Statt Entzerrung gibt’s die Bürde erhöhter Belastung

Erfolgsduo: Trainer Piet Wiehle und Manager Cemil Yavas (re.) stehen mit dem TuS Osdorf im Halbfinale des ODDSET-Pokals. Foto: KBS-Picture.de

Nun hat der Pokal ja bekanntlich – dafür zahle ich gerne fünf Euro ins Phrasenschwein – seinen eigenen Gesetze und es ist noch längst nicht gesagt, dass Wedel nicht in der Lage ist, Norderstedt ein Bein zu stellen. Auf dem Papier ist die Sache klar: Die Eintracht wird ins Halbfinale einziehen, für Gastgeber Wedel ist Schluss. Aber hatten wir es nicht gerade erst, dass Sachen nicht unbedingt so laufen, wie sie erwarten? Beim gestrigen Viertelfinalspiel zwischen BU und Osdorf zum Beispiel, wo die Barmbeker mit einem Heimvorteil im Rücken und aufgrund der Tatsache, dass Osdorf ohne seine beiden etatmäßigen Keeper dastand und aus der Not heraus „Oldie“ Sascha Imbusch reaktivieren musste, Favorit war. Das Ende ist bekannt: Osdorf bewiese wieder einmal, dass der TuS wohl so etwas wie ein ganz besonderer Oberligist ist, der über Willen, Moral und Einsatz so zu funktionieren scheint, wie kaum eine andere Equipe in Hamburgs Oberhaus. Herzlichen Glückwunsch jedenfalls an den Blomkamp, wo Trainer Piet Wiehle und Manager Cemil Yavas schon seit Jahren eine Arbeit leisten, vor der man gar nicht oft und lang genug den Hut ziehen kann.

Weitere Beispiele, dass es erstens anders kommt und zweitens anders als man denkt: Nun, mal ehrlich, hatten wir vor Wochen nicht alle schon die TuS Dassendorf im Meisterschaftsrennen abgeschrieben? Oder waren uns sicher, dass Altona 93 nicht mehr wackelt? Dass Teutonia 05 auch kein Kader voller Stars langt, um ganz oben mitzumischen? Oder dass auch ein Andelko Ivanko den Wedeler TSV nicht vorm Abstieg retten kann? Nun ist in all diesen Fragen noch nicht aller Tage Abend, aber denkbar und rechnerisch möglich sind alle Szenarien noch: Dass Teutonia am Ende ganz oben steht. Dass „Dasse“ wieder einmal Klasse beweist und Meister wird. Ja, selbst der Wedeler TSV kann noch drin bleiben. Nichts ist unmöglich. Unmöglich ist allerdings ein gutes Stichwort: Man darf zumindest mal die Sinnfrage stellen, wenn man sieht, dass die Spiele des Halbfinales im ODDSET-Pokal am Karfreitag und Ostersamstag angesetzt sind – und das, wo am Ostermontag ein kompletter Oberliga-Spieltag auf dem Programm steht und der 1. Mai als Feiertag – hier hat der HFV nur Platz mögliche Halbfinal-Nachholspiele gehalten – komplett zur Verfügung steht. Das muss man als Außenstehender wohl nicht verstehen. Entzerrung heißt das Zauberwort. So aber bürdet man den Spielern wieder einmal eine erhöhte Belastung auf.

Schuldzuweisungen im Nachhinein helfen wenig

Ex-Coach Patrick Bethke zum alleinigen Schuldigen des Abstiegs zu machen, ist zu einfach. Foto: KBS-Picture.de

Verstehen hingegen kann man den Abstieg des VfL Pinneberg. Der war abzusehen – und irgendwie auch nicht mehr zu verhindern. Schon vor der Saison hatte der damalige Trainer Patrick Bethke erklärt, dass das Budget des VfL „für einen Oberligisten ein Witz“ sei. Fünf Akteure waren seinerzeit aus der Vorsaison an der Fahltsweide geblieben. Der Rest? Alles neu! Trainer Thorben Reibe – weg! Etliche Spieler – weg! Und vor allem: Auch Konrad Kosmalla, der Grandseigneur des Pinneberger Fußballs, der – stets gut vernetzt mit Politik, Wirtschaft und Hauptverein – so manche Widrigkeit in den vorherigen Jahren umschifft hatte, verabschiedete sich. Ein Abgang, der den VfL Pinneberg härter traf als der von so manchem Herren aus der Abteilung „kickendes Personal“. Man hätte „schon vor zwei Jahren anfangen müssen, vermehrt auf junge Leute zu setzen“, konstatierte Bethke vor Saisonbeginn, erklärte, dass ihm „das Gerede auf den Sack“ gehe und man „vorsichtig sein sollte, so lange noch kein Oberliga-Spiel gespielt ist. Es sind zu viele Leute, die den VfL negativ runter reden wollen.“ Klar werde man „Lehrgeld bezahlen müssen“, doch Bethke rief dazu auf, beim VfL müsse man „eine Familie“ sein. Nun kommen Streits in den besten Familien vor – so auch beim VfL, wo sich unlängst Ex-Obmann Manfred Kirsch zu Wort meldete und vor allem gegen Ex-Coach Bethke feuerte.

Nach herben Schlappen wie dem 0:14 gegen Vicky stellte Kirsch fest, dass man das jetzige Trainerteam um Wojciech Krauze nicht verantwortlich machen könne, aber Bethke, über den er „nur den Kopf schütteln“ könne, weil er trotz Zusage, weiterzuarbeiten, einen Rückzieher gemacht habe: „Seine Begründung, der Verein ließe ihn mit der schwierigen Situation alleine, ist an den Haaren herbeigezogen“, so Kirsch auf der Homepage der VfL- „Ersten“ und in der Stadionzeitung – in offiziellen Organen des Clubs also. Allein das zeigt, wie wenig familiär es beim VfL in dieser Saison wohl zugegangen sein muss. Ein „offiziell“ legitimiertes Nachtreten gegen den Ex-Coach – fragwürdig. Dass Bethke sich allein gelassen fühlte in seiner Arbeit, kann man nachvollziehen. Von Florian Holstein, offiziell „Leiter Sportwesen“, jedenfalls hörte man die gesamte Saison über nichts – unglücklich. Der VfL gab nach außen das Bild ab, die Entwicklung der „Ersten“ und der „Zweiten“, die letztlich sogar vom Spielbetrieb abgemeldet wurde, sei dort fast jedem egal. Klar, es ist nachvollziehbar, wenn man die Meinung vertritt, dass „guter Fußball nahezu ausschließlich vom Geld abhängig ist“ und man diesen „Weg des Geldes“ nicht mehr mitgehen will. Dann aber muss man auch wissen, dass der alternative Weg steinig ist und aus der Oberliga mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in die Landesliga führt. So, wie es nun passiert ist. Schuldzuweisungen helfen da hinterher wenig.

Jan Knötzsch 

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