21.03.2019

„Ich bin dankbar für jede positive und negative Erfahrung – das gehört zum Reifeprozess dazu“

Billstedts Andranik Ghubasaryan im Interview

Zum SC V/W Billstedt hat Andranik Ghubasaryan (re.) eine ganz besondere Bindung, wie er im Interview verrät. Foto: Herzog

Am vergangenen Wochenende war er der „Man of the match“ beim 14:0-Sieg des SC V/W Billstedt im Landesliga Hansa-Spiel gegen Inter 2000. Gleich sechs Mal traf Andranik Ghubasaryan am Sonntag beim „Schützenfest“ gegen den Aufsteiger ins Schwarze. Grund genug, sich mit dem 21-Jährigen zu unterhalten – allerdings nicht nur über seine Quote im zurückliegenden Spiel. Wir haben mit „Ando“, wie Ghubasaryan in Billstedt genannt wird, über seinen Wechsel an den Öjendorfer Weg im Januar 2018, seine Zeit im Nachwuchs des FC St. Pauli, die aktuelle Spielzeit aus Billstedter Sicht sowie seine Ziele für die Zukunft gesprochen. 

Ando, mal Hand aufs Herz: Hat es vor dem vergangenen Sonntag schon mal ein Spiel gegeben, in dem du sechs Mal getroffen hast?

Andranik Ghubasaryan: Das kann mal vorgekommen sein. Aber das war bestimmt zu einer Zeit, wo ich zwölf oder 13 Jahre alt war.

Im Moment stehst du damit mit 15 Saisontreffern an der Spitze der Torjägerliste. Was bedeutet dir das?

Ghubasaryan: In erster Linie ist das etwas, was ich am Rande mitnehme. Klar ist mein Anspruch der, dass ich in jedem Spiel versuche, eine Torbeteiligung zu schaffen. Insofern ehrt mich das schon, aber ich setzte es nicht so hoch an.

Wie beurteilst du euren derzeitigen Tabellenstand? Billstedt steht auf dem neunten Platz...

Ghubasaryan: Der Tabellenstand spiegelt nicht unser Potenzial wider. Wir haben das Glück, dass wir von Beginn an keinen Druck von Seiten des Vereins bekommen haben. Die Entwicklung der Mannschaft steht im Vordergrund. Wir wollen einen Grundbaustein für eine positive Tendenz in der Zukunft legen. Es könnte für uns tabellarisch besser aussehen, aber wie schon gesagt: In erster Linie steht die Entwicklung im Vordergrund.

Wo siehst du denn bei euch noch Entwicklungs- oder Verbesserungspotenzial?

Geht es nach Ghubasaryan (re., hier gegen Dünebergs David Özcerkes), dann spiegelt Platz neun in der Tabelle nicht das Potenzial der Mannschaft wider. Foto: Herzog

Ghubasaryan: Vor allem, was die Cleverness und Abgezocktheit angeht. Wir sind der jüngste Kader in der Liga. Wir haben zwar am Anfang der Saison mit Alexander Bogunovic, Kim Liebermann und Kevin Dülsen drei erfahrene Spieler dazubekommen, trotzdem sind wir oft unclever gewesen. Wir sind vor allem mit der Zweikampfhärte zu Beginn nicht klargekommen. Mittlerweile sind wir aber etwas abgeklärter und robuster geworden, auch wenn ich da noch Verbesserungspotenzial sehe.

Seit dem Winter ist Onur Ulusoy als Nachfolger von Hamid Derakhshan euer Coach. Was unterscheidet die beiden voneinander?

Ghubasaryan: Ich muss erst einmal sagen, dass ich mit Hamid eine besondere Verbindung aufgebaut habe. Er war für mich jemand, der mir ein besonderes Gefühl und Vertrauen gegeben hat. Er war letztlich auch der ausschlaggebende Grund, warum ich im vergangenen Sommer in Billstedt geblieben bin. So ein plötzlicher Trainerwechsel erzeugt natürlich Unruhe. Mittlerweile hat sich das gelegt. Wenn ich die beiden vergleichen muss, dann würde ich sagen, dass Onur eher jemand ist, der versucht, seine Futsal-Elemente in unser Spiel miteinzubringen. Auch Hamid hatte immer ein klares Konzept. Er war jemand, der schnell nach vorne spielen wollte. Onur ist jemand, der lieber den Ball in den eigenen Reihen hält, bis sich die Lücken ergeben.

Kommen wir nochmal zu dir selbst: Du bist im Winter 2018 von St. Pauli II aus der Regionalliga zu V/W in die Oberliga gewechselt. Was hat damals den Ausschlag für diesen Transfer gegeben?

Ghubasaryan: Ich muss gestehen, dass ich nach der Auflösung meines Vertrags bei St. Pauli in einem tiefen Loch war. Ich habe mir viele Gedanken gemacht. Ich war einen Monat fern vom Fußball und habe versucht, herauszufinden, was für mich das Wichtigste und Beste zu diesem Zeitpunkt war. Durch Furkan Gökmen, mit dem ich jahrelang zusammengespielt habe, kam dann der Kontakt zu Billstedt zustande. Er hat gesagt: „Spiel' doch bei uns in der Oberliga – das ist besser, als wenn du nichts machst.“

Bei den Kiezkickern hast du in der U17, der U19 und der Zweiten Mannschaft gespielt. Warum hat der Weg zum Profi, der vorgezeichnet zu sein schien, am Ende nicht geklappt?

Vor seinem Wechsel zu V(/W kickte Ghubasaryan (re., hier im Derby gegen den HSV II) in der U17, der U 19 und der U23 des FC St. Pauli. Foto: KBS-Picture.de

Ghubasaryan: Die Zeit bei St. Pauli war eine lehrreiche Zeit mit vielen Höhen und Tiefen. Ich habe positive und negative Erfahrungen gesammelt. Das war eine Zeit, in der ich viel über Fußball und Leistung gelernt habe und mich entwickeln konnte. Vor allem habe ich aber auch viel über das Leben gelernt. Ich bin dankbar für jede positive und negative Erfahrung, das gehört zu einem Reifeprozess dazu. Diese Erfahrungen kann mir keiner wegnehmen. St. Pauli ist ein geiler Verein mit großer Perspektive. Ich habe dort unter Top-Bedingungen eine großartige Ausbildung genießen dürfen. Nicht umsonst wird das Nachwuchs-Leistungs-Zentrum Jahr für Jahr mit der höchsten Auszeichnung bewertet. Warum es letztlich nicht gereicht hat für ganz oben? Da spielen einige Faktoren mit, die den Weg entweder erleichtern oder – wie in meinem Fall – erschweren. Ich musste in meiner Zeit bei St. Pauli wegen Verletzungen oftmals kürzer treten und konnte mich nicht richtig festbeißen. Wie es in einer U23 eines Profivereins so ist: Du kannst im Abschlusstraining in der Startelf stehen, aber am Spieltag dann doch auf der Bank sitzen oder bist gar nicht dabei, weil ein Spieler aus dem Kader der Profis Spielpraxis sammeln muss. Ich hätte zudem in einigen Phasen auch mal cleverer und egoistischer handeln können. Reflektierend hätte ich zwar nicht alles richtig machen können, aber letztlich habe ich wertvolle Erfahrungen gemacht und bereue keinen meiner Schritte.

Ist der Traum von der Profikarriere damit ausgeträumt? Du bist ja gerade mal 21 Jahre alt und hättest noch ein bisschen Zeit...

Ghubasaryan: Ich bin ein Realist. Aber ganz abgeschrieben habe ich das nicht. Ich nehme mir da gerne ein Beispiel an Miroslav Klose oder aber an Hendrik Weydandt von Hannover 96, der im Sommer den Sprung in den Profikader geschafft hat. In der letzten Saison habe ich noch gegen ihn gespielt. Fußball ist schnelllebig und unberechenbar. Von daher weiß man nie, was passieren kann.

Wie sieht's kurzfristig aus: Spielst du in der kommenden Saison noch am Öjendorfer Weg oder lockt die Oberliga?

Ghubasaryan: Ich muss erwähnen, dass ich zu Wacker immer eine besondere Bindung hatte und habe. Als ich klein war und Einlaufkind bei V/W war, habe ich immer nach Alex Bogunovic gesucht. Jetzt spiele ich mit ihm zusammen und wir führen gemeinsam eine Mannschaft. Dementsprechend spreche ich unabhängig davon, in welchem Trikot ich in der nächsten Saison spielen werde, dem Verein meine Dankbarkeit aus – allen voran Frank Hoffmann, Akin Gökdal und Drago Eikermann, die mir und meinem Mitspielern in der Jugend von kleinauf wichtige Werte vermittelt haben und uns auch sportlich vorangebracht haben. Zur kommenden Saison kann ich eigentlich nicht so viel sagen, außer dass ich Gespräche führe und Verantwortliche aus vielen Ligen anklopfen.

Interview: Jan Knötzsch

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