25.02.2019

Durchgereicht, Durchhalteparolen und Durchschnitt

Abpfiff – Die FussiFreunde-Kolumne

Foto: KBS-Picture.de

An dieser Stelle greifen wir regelmäßig die Themen des Hamburger Fußballs aus der Woche und vom Wochenende auf und kommentieren diese. Diesmal geht es um das Meisterschaftsrennen, in dem die TuS Dassendorf sich immer weiter von der Tabellenspitze entfernt sowie den Kampf um den Ligaerhalt, in dem der SC Condor am zurückliegenden Wochenende keinen Boden gutmachen konnte und mit dem SV Curslack-Neuengamme und dem SV Rugenbergen zwei weitere Kandidaten weiter unten reinrutschen.

Beginnen wir genau dort: Unten – und arbeiten uns dann ganz langsam nach oben vor. Mehr „abgewatscht“ werden als der SC Condor kann man nicht. Mit 0:8 zog die Mannschaft vom Berner Heerweg am Sonntag beim TSV Sasel ganz eindeutig den Kürzeren und stand damit wie auch schon in der Woche zuvor im „Abstiegsgipfel“ gegen den Wedeler TSV ohne Punkte da. Ein Umstand, der im Kampf um den Klassenerhalt nicht gerade förderlich ist. Aber ist dieser Kampf nicht eh schon verloren? Da musste Condor-Coach Florian Neumann in Sasel mit dem 38-jährigen Przemyslaw Osinski doch tatsächlich einen Altherren-Kicker auf der linken Position in der Viererkette aufbieten, weil er sonst kaum mehr Linksfüße mehr im Aufgebot hat, auf die er setzt. Ein sicher unglücklicher Umstand, der aber auch die Frage aufwirft: Wurde da etwa der Kader nicht vernünftig geplant? Warum wurde im Winter an dieser Stelle nicht noch einmal nachgelegt, wenn man um das drohende Problem doch wusste?

Richtige Ratgeber im Abstiegskampf: Rugenbergens Ruhe oder Condors Rettungsanker?

Da ist der Nichtabstiegsplatz: Für Coach Florian Neumann und den SC Condor wird die Luft im Kampf um den Klassenerhalt dünner. Foto: KBS-Picture.de

Nun kann man dem entgegenhalten: Im Winter ist es immer schwer, Leute zu finden, die einem weiterhelfen. Doch bei Condor krankt es nicht nur an einer Stelle. Die Analyse „Die sportliche Leistung unserer Mannschaft war schwach, enttäuschend und wenig bis nicht akzeptabel“ von Co-Trainer Fabio Ansaldo nach dem Sasel-Spiel  – sie gleicht der von Florian Neumann aus der Vorwoche inhaltlich. Auch da: ein nicht akzeptabler Auftritt. Blutleer, ideenlos, nahezu ohne Torschuss. Es scheint, als sei sich die Mannschaft nicht bewusst, in welchem Schlamassel sie steckt. Es fehlt ein „Aggressive Leader“. Einer der vorweg geht. Der das Sagen hat, der vielleicht auch mal „dreckig“ spielt. So einer, wie Neumann selbst als Spieler früher war. Vielleicht sollte er überlegen, statt anderer weiterer Kicker aus den Alten Herren doch lieber gleich sich selbst zu reaktivieren. Zwar wurde Condors Übungsleiter nach dem Wedel-Spiel nicht müde, zu betonen, dass der Abstiegskampf nicht in diesem einen Match entschieden wird. Mag richtig sein, aber etwas anderes als Durchhalteparolen sind das auch nicht mehr. (Noch) nicht ganz so schlecht, aber ebenso wenig erfreulich sind die Aussichten auch bei zwei Teams, die im Klassement noch über dem SCC stehen: beim SV Rugenbergen und beim SV Curslack-Neuengamme.

Der SVR kassierte in den letzten elf Spielen neun (!) Niederlagen. Nur gegen Pinneberg und Altona wurde dreifach gepunktet. Eine Misserfolgs-Serie, bei der andernorts schon Köpfe gerollt wären. In Bönningstedt hingegen? Keine Kritik an Coach Thomas Bohlen in der Öffentlichkeit, keine Diskussion um die Position des Coaches. Die Ruhe vor dem großen Sturm, wenn's gegen Dassendorf die nächste Pleite setzt? Oder die Ruhe, die am Ende im Abstiegskampf den Unterschied ausmachen wird? Gewarnt sein, so viel ist sicher, muss man. Ebenso wie in Curslack. Der Keller rückt enger zusammen. Auch der HEBC, der sich am Wochenende von BU – wo Coach Marco Stier zwar ständig wiederholt, dass sein Team Chancen vergibt und besser stehen könnte, aber damit leben muss, dass die Truppe leider nur Durchschnitt ist – 4:4 trennte, mischt auch noch munter mit. Und trifft am Wochenende auf den SVCN. Ein richtungsweisendes Spiel, wie man so gern sagt. Eines dieser Alles-oder-Nichts-Duelle. Ganz klar: Der Auftritt Curslacks ins Meiendorf war nichts. Zumindest nichts Gutes. Dort, wo man anfangs wiederholt kritisieren konnte, dass in Sachen Planung in der Offensive nicht alles ideal lief, ist nun noch die ungewohnte Angst vorm Abstieg hinzugekommen. Und die lähmt. Eine Erscheinung, die man im Kampf um den Klassenerhalt wahrlich nicht gebrauchen kann.

Vicky nimmt den Schwung des Trainerwechsels gekonnt mit

Coach Fabian Boll (li.) hat derzeit gut lachen: Der SC Victoria präsentiert sich weiterhin in aufstrebender Form. Foto: Bode

Ganz oben bietet sich derweil – manche würden sagen: endlich – ein anderes Bild als sonst. Wer die TuS Dassendorf an der Spitze sucht, der tut dies derzeit vergebens. Die Gründe dafür, dass der amtierende Meister und Pokalsieger der Spitze um neun Punkte hinterher hinkt, sind hausgemacht. Ein (inzwischen Ex-)Trainer, der nicht regelmäßig bei der Mannschaft war und von dem man sich angesichts dessen (vermutlich) zu spät getrennt hat. Ein neuer Trainer, der aufgrund des unglücklichen Zeitpunkts seiner Inthronisierung quasi nebenbei seine neue Mannschaft kennenlernen, ihr seine fußballerischen Vorstellungen aufdrücken und obendrein auch noch erfolgreich sein soll. Böse Zungen unken zudem, dass die TuS-Spieler nicht völlig fit wären. Klingt nach massiv vielen Baustellen auf einmal. Das kann – alles zusammen – irgendwie nicht gut gehen. Das Ergebnis sieht man: Das Durchreichen der TuS auf Platz fünf. Die neun Zähler Rückstand auf Rang eins sprechen eine deutliche Sprache. Auch, wenn die TuS solche Rückstände in Bestform aufholen könnte und man seit Borussia Dortmund weiß, dass man größere Vorsprünge auch nahezu verspielen und in einen minimalen umwandeln kann... 

Allein: In der Oberliga wird es vermutlich nicht so weit kommen. Denn anders als in der Beletage des deutschen Fußballs müsste in Hamburgs Amateur-Oberhaus schon mehr als nur ein Team eine Schwächephase haben. Ein eher unrealistischer Gedanke. Der SC Victoria nimmt genau den Schwung mit, der nach der Installierung des Trainer-Teams Fabian Boll/Marius Ebbers im Anschluss an die wochenlange Unruhe im Theater um Ex-Coach „Jonny“ Richter zu erwarten war. Mit dem TSV Sasel ist immer zu rechnen. Die „Zankl-Zauberer“ sind in der Lage, jedem Spiel ihren Stempel aufzudrücken und bis zum Ende ganz oben mitzumischen. Bleiben noch Teutonia 05 und Altona. Die Teutonen sind mit ihrem exzellenten Kader nahezu gezwungen, aufzusteigen. Jedes nicht gewonnene Spiel könnte darin enden, dass an der „Kreuze“ der Unfrieden wächst und infolge dessen das Pulverfass explodiert. Der AFC hat die Ausfälle von Stützen wie Lennart Müller und phasenweise Marco Schultz exzellent weggesteckt und obendrein mit Offensivkraft Alexander Vojtenko in der Winterpause einen Glücksgriff getätigt. Beste Vorzeichen, um Meister zu werden. Doch die Frage bleibt: Kommt er AFC mit dem wochenlangen Druck des „Leaders“ zurecht? Wie heißt es so schön: Am Ende sind wir schlauer...

Jan Knötzsch 

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