17.02.2019

Willige Wedeler, ratlose „Raubvögel“: „Wenn man so auftritt, hält man die Liga nicht!“

Gastgeber schöpfen mit 2:0-Sieg gegen Condor Hoffnung im Abstiegskampf

Die Freude der Wedeler nach dem Sieg kannte kaum Grenzen. Foto: Olaf Both

Das Bild sprach Bände: Lorenz Lahmann-Lammert war nach seinem zweiten gelbwürdigen Foulspiel gerade von Schiedsrichter Daniel Gawron des Feldes verwiesen worden. Der Blondschopf kletterte über die Werbebanden auf den asphaltierten Weg vor der Tribüne und machte sich auf in Richtung Kabine. Den Kopf nach unten gesenkt. Ohne einen Blick auf den Rasen. Das, was seine Teamkollegen vom SC Condor dort in der Begegnung gegen den Wedeler TSV (Hier gibt’s den Liveticker des Spiels zum Nachlesen) bis zum Platzverweis von „LLL“ geboten hatten, war allerdings auch wenig sehenswert. Und das galt auch für die letzten Augenblicke der Partie, die die „Raubvögel“ ohne ihren elften Mann absolvieren mussten. Dann war Schluss – und die Partie aus Condor-Sicht mit 0:2 verloren.

Eine Niederlage, wie sie nicht hätte passieren dürfen. Eigentlich wollten die Schützlinge von Florian Neumann im Elbestadion punkten. Am liebsten dreifach, nachdem mit dem HEBC am Freitag ein Konkurrent im Kampf um den Ligaerhalt verloren hatte. Noch viel wichtiger: Mit einem zählbaren Erfolg hätte man zudem auch noch die Wedeler mehr als auf Schlagdistanz gehalten. „Hätten wir dieses Spiel verloren, wäre es für uns das gewesen. Ich weiß nicht, wie wir uns motiviert und die nächsten Wochen gestaltet hätten“, bestätigte auch Andelko Ivanko, der Coach der Gastgeber nach dem Schlusspfiff. Aber damit musste er sich nach den etwas mehr als 90 Minuten nicht beschäftigen. Es sollte ein Gedankengang bleiben, der im Konjunktiv verweilte. Stattdessen durfte sich Ivanko freuen. Eine Gefühlsregung, die sie bei Condor an diesem Sonntag nicht kannten. Ganz im Gegenteil. Denn nach dem Spiel wurde es im Mannschaftskreis richtig laut.

Neumann: „Dass es ums reine Kämpfen geht, hat der eine oder andere nicht verstanden“

Drei gegen einen: Condors Melvin Bonewald (Dritter v. re.) ist gegen die Wedeler Übermacht chancenlos. Foto: Olaf Both

Es war aber nicht Coach Neumann, der zur Wutrede ausholte, sondern Cassian Klammer. Der Mittelfeldspieler stand zwar als Kapitän in der Startelf, musste dann aber verletzungsbedingt doch passen und wählte nach dem Match deutliche Worte. „Auf diese Scheiße hab' ich keinen Bock mehr“, war einer der Sätze, die „Cassi“ nach einem Condor-Auftritt, in dem Sean Vinberg in der 74. Minute für die Gäste erstmals (!) wirklich erwähnenswert in Richtung Tor schoss, über die Lippen kam. Auch Neumann sah es ähnlich: „Nach vorne war das nichts. Wir hatten am Anfang mal eine Szene und dann noch den Schuss von Özgür Bulut, der übers Tor irgendwo nach Barmbek geht“, ärgerte sich der Trainer der Gastgeber und war ratlos. „Wenn man so auftritt, hält man die Liga nicht. Es ist nicht so, dass Wedel überragend gespielt hat. Aber sie haben uns mit ihrer Mentalität und ihrem Kampf schön nach fünf Minuten den Schneid abgekauft. Das, was wir geboten haben, war nicht das, was wir besprochen haben.“ 

Natürlich, so Condors Coach, habe er darauf hingewiesen, dass das Spiel „immens wichtig“ sei, „aber dass es bei jedem angekommen ist, glaube ich nicht.“ Die uninspirierte Darbietung auf dem Platz bestätigte ihn und so wunderte es am Ende wenig, dass Christian Dirksen (55.) und Daniel Diaz Alvarez (60.) für den Wedeler Sieg sorgten. „Ich bin nicht sauer, ich bin enttäuscht – und das ist viel schlimmer. Die erste Halbzeit war nicht gut, in der zweiten fangen wir uns zwei Buden und werden dann aus unserem Halbschlaf zumindest ein bisschen wach. Aber ganz ehrlich: Gegen wen willst du denn so punkten? Dass es ums reine Kämpfen geht, hat der eine oder andere nicht verstanden. Dann stehst du eben mit null Punkten da. Der Abstiegskampf ist nicht heute entschieden worden. Aber es reicht nicht, wenn nur zwei Leute aus der Mannschaft was machen wollen. Das müssen schon elf oder mehr sein. Kein Bock oder schlechter Rasen – ich weiß nicht, woran es bei einigen gelegen hat. Wir haben das Spiel einfach abgeschenkt“, brachte Neumann den (Nicht-)Auftritt seiner Equipe ohne Ausflüchte exakt auf den Punkt.

Ivanko: „Wir werden auf jeden Fall in den nächsten Wochen einen richtigen Antrieb bekommen“

Condors Offensive um Adrian Sousa (Li., hier gegen Jaques Rodrigues de Oliveira) blieb blass. Foto: Olaf Both

Sein Gegenüber musste derweil erstmal runterkommen. „Emotional ist da alles hochgekommen“, verriet Andelko Ivanko nach dem Abpfiff. „Wir hatten eine nicht so optimale Vorbereitung, haben alles auf diese Karte gesetzt. Die Jungs haben Emotionen, Kampf und Laufbereitschaft bis zum geht nicht mehr gezeigt. Sie haben alles abgerufen und die ganze Zeit an den Sieg geglaubt. Das Ergebnis zeigt nicht, wie dominant wir waren. Jeder hat das gesehen. Von der Einstellung her muss ich den Hut vor der Mannschaft ziehen“, lobte der Übungsleiter, dessen Elf noch Christian Dirksen durch eine Gelb-Rote Karte verlor (70.). Dabei hatte es erst übel ausgesehen für die Hausherren: Nach knapp einer halben Stunde musste Stürmer Marucs Richter verletzt runter. „Da hab ich gedacht: Das ist das letzte, was wir jetzt noch gebrauchen können“, so Ivanko, der so oder so schon Sorgen hatte: „Im Abschlusstraining hat sich Cornel Schipou verletzt, also mussten wir die Dreierkette umstellen. Marel Uitz war krank, Wir haben auf eine Spitze umgestellt – das hatten wir gar nicht trainiert. Dass es funktioniert hat, spricht für die Spielintelligenz der Mannschaft. Und die beiden Diaz-Brüder (Daniel und Luis, Anm. d. Red.) waren zuletzt im Urlaub.“ 


Auf dem Feld stand das Diaz-Duo dennoch. „Ich wollte oberligaerfahrene Spieler auf dem Platz habe, die wissen, was man investieren muss, auch wenn das vielleicht unfair für einige gewesen sein muss, die sich den Arsch aufgerissen haben“, konstatierte Ivanko. „Unser Auftritt war nicht überragend, aber das ist das, was wir jederzeit abrufen können. Das ist unser Spiel, das ziehen wir durch. Wenn das nicht reichen sollte, dann ist das so. Es steckt eine Menge an Qualität in der Mannschaft“, erläuterte der Übungsleiter seine Sicht der Dinge und ist sich sicher: „Hätten die Jungs schon früher solche Leistungen gezeigt, dann würden wir nicht gegen den Abstieg kämpfen, sondern hätten im Mittelfeld locker unsere Spielchen bis zum Saisonende gemacht.“ Allem (erfolgreichen) Anfang zum Trotz: „Ich will den Mund nicht zu voll nehmen“, bekannte der Wedeler Coach schließlich, ergänzte aber: „Wir werden auf jeden Fall in den nächsten Wochen einen richtigen Antrieb bekommen. Der Kopf speichert solche Erfolgsmomente.“ Antrieb und Erfolgsmomente, wie sie auch der SC Condor für die noch ausstehenden Spiele in dieser Saison bitter nötig hätte...

Jan Knötzsch 

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