10.02.2019

Tore kassiert, Torheiten produziert: „Dasse“ gegen Angstgegner AFC nicht vom Erfolg umarmt

Spitzenreiter unterliegt Altona mit 1:4 und muss die Tabellenführung an Algan-Elf abgeben

Arm in Arm: Eudel Monteiro und Alexander Vojtenko (vo.) bejubeln einen der vier AFC-Treffer. Foto: KBS-Picture.de

Wäre es in der Anatomie de Menschen möglich – man hätte bei der Pressekonferenz nach dem Spiel zwischen der TuS Dassendorf und Altona 93 (Hier gibt’s das Spiel zum Nachlesen im Live-Ticker) wohl die Fragezeichen in Berkan Algans Augen gesehen. Der Coach des AFC hatte sein Statement zum Match längst abgegeben, als neben ihm Mirko Petersen, der Co-Trainer der TuS, das Wort ergriff. „Naddel“, wie Petersen gerufen wird, hielt sich gar nicht lange mit dem Sportlichen auf, sondern ging direkt in die Vollen. „Das gehört sich nicht. Das hat einen faden Beigeschmack. Das sieht nicht gut aus“, echauffierte er sich – und meinte damit eine Szene, die sich bereits vor dem Anpfiff des Spiels zugetragen hatte. Berkan Algan schaute so, als ob er sich auf den Arm genommen fühlte.

Was war passiert? Nun: Vor dem Spiel hatte Algan nicht jemanden auf, sondern in den Arm genommen. Im Rahmen der Begrüßung habe es, so erzählte Petersen, eine Umarmung Algans mit dem Unparteiischen Stephan Timm (SC Egenbüttel)  gegeben. Zu viel des Guten für den „Dasse“-Co-Trainer. „Ich finde es bezeichnend, wenn sich ein Schiedsrichter und ein Trainer im Vorfeld eines Spiels umarmen. Das hat sich auf dem Spielfeld auch so widergespiegelt. Wir waren schon sehr überrascht über die eine oder andere Entscheidung. Unsere Spieler waren nicht umsonst sauer. Natürlich gibt es mal die eine oder andere Szene, wo ein Foul mit einer Gelb-Roten Karte geahndet wird. Aber bei der Gelb-Roten Karte gegen Maximilian Dittrich sag' ich: Wir sind alle Fußballer genug. Da kann man auch mal sagen: 'Noch so'n Ding, Dittrich, und du gehst runter' statt gleich Gelb-Rot zu geben. Da kann man Fingerspitzengefühl entwickeln“, ärgerte sich Petersen.

Petersen: „Wir haben Fehler gemacht, das wollen wir nicht unter den Scheffel kehren“

Kommt ein Keeper geflogen: Altonas Schlussmann Tobias Grubba (re.) im Luftduell mit Marcel von Walsleben-Schied. Foto: KBS-Picture.de

„Ich muss dazu nichts sagen und ich weiß auch nicht, was ich dazu sagen soll. Ich umarme die Leute, die ich kenne und die, die ich mag. Und ich grüße bei Geburtstagen. Ich werde mir diese Menschlichkeit beibehalten – auch wenn er vier Elfmeter gegen uns pfeift. Das hat nichts damit zu tun. Es gibt Wichtigeres als Fußball“, folgte Algans sachlich-souveräne Replik auf die Torheit Petersens. So wie die Replik der Altonaer Spieler auf dem Feld auf den schwachen Auftritt der Dassendorfer gefolgt war. Bei der TuS merkte man ganz klar das Fehlen des gelbgesperrten Sven Möller. Ohne ihn gab es kaum kluge Ideen im Spiel nach vorne, kaum Überraschendes und die letzten Prozentpunkte, die in diesem Spitzenspiel vielleicht hätten entscheidend sein können, ließ die TuS auch vermissen. Und ab Minute 30 fehlte den Gastgebern dann auch noch „Maxi“ Dittrich. Bereits verwarnte lieferte er sich ein Duell mit Niklas Seibert, in dem der Altonaer zu Boden ging. Die einen wollten eine Schutzhaltung Dittrichs gesehen haben, als er im Laufen auf Siebert prallte, die anderen einen Schubser gegen den Gäste-Akteur. Letzteres war auch die Wahrnehmung des Schiedsrichter-Assistenten, der dies an Referee Timm meldete – und dieser zeigte Dittrich die „Ampelkarte“.

„Ich bin gefoult worden“, erklärte Siebert nach dem Match. „Allein aus Uncleverness des Gegenspielers war die Karte gerechtfertigt, würde ich sagen“, so Siebert weiter. Er habe das „natürlich dankend angenommen, das würde ich schon sagen“, gab der Altonaer zu Protokoll, konstatierte aber auch: „Ich würde nicht sagen, dass die Karte unberechtigt ist, wenn er so rein geht. Andersrum hätte Dittrich das auch so gemacht. Er sollte so clever sein und nicht so reingehen. Er ist in meinem Rücken und sieht ja, dass ich komme. Dann braucht er sich auch nicht vor mir, sondern eher ich mich vor ihm schützen.“ Aus Sieberts Sicht also eine klare Torheit seines Widersachers. Mit einem Mann mehr auf dem Platz jedenfalls nutzte der AFC die Räume optimal: Drei Minuten nach Dittrichs Platzverweis bediente Alexander Vojtenko von rechts Joshua Gebissa – 1:0 für Altona. Weitere fünf Zeigerumdrehungen später legten die Algan-Schützlinge nach: Eudel Monteiro startete über rechts durch, seine Hereingabe landete bei Vojtenko – wieder drin! 2:0 für den AFC! Niklas Siebert übrigens war da längst zum „Buhmann“ der TuS-Anhänger geworden, konterte die Unmutsäußerungen aus dem Publikum kurz vor der Pause mit einem freundlichen Winken in Richtung der Tribüne.

Algan: „Das war eine von 14 wichtigen Aufgaben, die wir gelöst haben“

Der starke Alexander Vojtenko (li.) stellte Dassendorfs Abwehr um Amando Aust immer wieder vor Probleme. Foto: KBS-Picture.de

Kurz nach dem Seitenwechsel zog der AFC auf 3:0 davon, als Monteiro nach Hischem Metidjis Vorarbeit in der 53. Minute vollendete. Nur fünf Minuten später hätte Vincent Boock alles klar machen können. Hätte. Tat er aber nicht: Nach einem vermeintlichen Foul von Marcel Lenz an Vojtenko – es war allerdings eine falsche Beurteilung von Referee Timm – gab's Strafstoß. Boock trat an, schoss mittig – und scheiterte an Christian Gruhne. Stattdessen kam Dassendorf durch Linus Büchlers Kopfball in der 69. Minute auf 1:3 heran, doch William Wachowski machte – nachdem ihn Pablo Kunter mit der Hacke in Szene gesetzt hatte – nach 77 Minuten dann endgültig den Sack zu und ließ Mirko Petersen zum Fazit kommen, dass „das Ergebnis völlig in Ordnung“ ginge, auch wenn es sich „hammerhart“ anhöre. „Wir haben wenige Chancen kreiert und Fehler gemacht, das wollen wir nicht unter den Scheffel kehren. Wir haben nicht konsequent genug den Torabschluss gesucht. Nach dem Platzverweis gegen Maxi hat die Mannschaft aber Moral bewiesen und bis in die 90. Minute Vollgas gegeben. Diese tolle Mannschaftsleistung ist leider nicht belohnt wurde“, erklärte Petersen, der auf der Pressekonferenz seinen „Chef“ Elard Ostermann vertrat, der zuvor fix Richtung Fußball-Lehrer-Lehrgang nach Köln aufgebrochen war.

Und Berkan Algan? Der durfte sich freuen. Das Hinspiel 2:1 gewonnen, das letzte Spiel am Wendelweg bei der TuS in der vergangenen Serie mit 1:0 gewonnen – der AFC entwickelt sich für Dassendorf offenbar zu einem Angstgegner. Und der klaute dem bisherigen „Leader“ der Liga mit dem 4:1 auch noch den Spitzenplatz. „Wenn du gegen so eine extrem etablierte Mannschaft wie Dassendorf spielst und ein paar Hasen hast, die 19, 20 Jahre alt sind und brennen – dann nerven wir halt auch ein bisschen“, befand Algan in seiner Analyse und ergänzte: „Es ging um einen guten Start aus der Winterpause. Das ist uns gelungen.“ Durch Dassendorfs Platzverweis „waren wir gezwungen, andere Laufwege und Räume zu antizipieren. Das haben wir durchgezogen. Wir haben unsere Chancen genutzt, auch wenn wir den Elfer verschossen und zwei Hundertprozentige nicht gemacht haben. Dann erlauben wir ein unnötiges 1:3, was noch einmal eine kleine Brisanz ins Spiel gebracht hat, die wir nicht brauchten. Wir hatten den Hebel aber noch in der Hand. Das war eine von 14 wichtigen Aufgaben, die wir gelöst haben. Wir funktionieren auch nicht in jedem Spiel so, wie wir uns wünschen. Heute hat es funktiioniert. Es gab aber viele Momente, die uns mit Glück, Fortune und Schweiß in die Karten gespielt haben“, so der AFC-Coach abschließend. 

Jan Knötzsch 

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