02.01.2019

„Die Mannschaft hat sich nicht hinter Alibis versteckt, sondern performt“

Mit der Unruhe außerhalb des Platzes begann bei Vicky die Positivserie

In der Liga auf Schlagdistanz, im Pokal im Viertelfinale: Für Interimstrainer Benjamin Kruk war es aus seiner Sicht eine gute Hinrunde. Foto: Bode

Wenn es um die Entwicklung und die Hinrunde des SC Victoria in der Oberliga-Saison 2018/2019 geht, kann eigentlich nur ein Thema im Mittelpunkt stehen: die Unruhe um die Vertragssituation und der daraus resultierende vorzeitige Abschied von Übungsleiter Jean-Pierre Richter, der ausgerechnet gegen die TuS Dassendorf – seinen künftigen Verein ab dem Sommer 2019 – erstmals nicht mehr auf der Vicky-Bank Platz nahm. Doch weit gefehlt: „Wir haben“, sagt Benjamin Kruk, unter „JPR“ Co-Trainer und nun Interimscoach, „ja auch noch Fußball gespielt.“ Wie recht er hat. Und das taten die Kicker von der Hoheluft nicht ohne Erfolg. Auch, wenn es in der laufenden Serie zwischenzeitlich schon danach aussah, als wäre dem nicht so...

„Es gab Zeiten, da habe ich echt nicht gerne auf die Tabelle geguckt. Das war, als wir Zehnter oder Elfter waren“, erinnert sich Kruk und gibt ohne Umschweife zu: „Dieser Anblick war ein Graus!“ Eine logische Aussage für ein Team, das sich in der vorherigen Spielzeit hinter der TuS Dassendorf noch die Vizemeisterschaft gesichert hatte und im Sommer dann von Coach und „Vordenker“ Richter klug ergänzt wurde. An der einen oder anderen Stellschraube drehte „JPR“ vor der aktuellen Saison – und doch hatten der inzwischen Nicht-Mehr-Trainer und sein Assistent die Rechnung ohne eine Variable gemacht, die kurz vorm Start in die Saison plötzlich auftauchte. Die Rede ist vom Abgang von Nick Scharkowski. Insgesamt 36 Mal hatte der Torjäger in der Vorsaison ins Schwarze getroffen – und dann war er auf einmal weg.

„Klaas' Ausfall und der Abgang von Nick waren schon harte Schläge für uns“

Auf die Dienste von Klaas Kohpeiß (re., hier gegen Dassendorfs Amando Aust) musste Vicky in dieser Serie bislang größtenteils verzichten. Foto: KBS-Picture.de

„Ein paar Tage vorher habe ich noch zu Jonny gesagt: Bis jetzt ist ja zum Glück nichts gekommen, das wird schon so bleiben“, erinnert sich Kruk zurück. Ein Trugschluss. Denn es blieb nicht so. Plötzlich trat der FC Viktoria Berlin auf den Plan. Der Regionalligist hatte soeben einen finanzstarken Investor gefunden – und konnte sich, ausstaffiert mit jeder Menge Kohle, mit der man rechnete, auf Einkaufstour begeben. In Hamburg wurde der Club fündig, packte sich eben jenen Nick Scharkowski, den Richter und Kruk gerne weiterhin im Vicky-Dress gesehen hätten, in den imaginären Warenkorb. Vicky stand in der Angriffsreihe plötzlich fast mit leeren Händen da. Zum Glück fand man mit Bibie Njie, früher beim HSV II in der „Regio“ am Ball, immerhin numerisch Ersatz. Vergessen machen aber konnte dieser seinen Vorgänger im Sturm nicht. „So jemanden wie Nick kannst du nicht mal eben schnell Eins-zu-Eins ersetzen“, weiß inzwischen auch „Benny“ Kruk. Was noch erschwerend hinzu kam: der Ausfall von Klaas Kohpeiß. „Das beides und die Tatsache, dass es im Sommer einen Umbruch mit vielen Neuen gab, die wir integrieren mussten, hat es uns schwer gemacht“, analysiert Kruk.

„Er ist einer, bei dem du mit mindestens 15 Toren pro Saison planen kannst“, sagt Vickys Interimstrainer. Wenn – ja wenn – denn die Gesundheit mitspielt. Und genau das tat sie nicht: „Klaas ist mit seiner Verletzung am Knie fast die gesamte Hinrunde über ausgefallen. Sein Ausfall und der Abgang von Nick – das waren schon harte Schläge für uns“, konstatiert Kruk, der gemeinsam mit Richter von Verletzungssorgen sogar noch zusätzlich gebeutelt wurde. Mehr, als es den beiden lieb war: „Dennis Bergmann hat sich den Mittelfuß gebrochen, bei André Monteiro Blanco war im Gesicht alles gebrochen, was man sich gefühlt brechen kann. Dann hat sich Felix Schuhmann gegen Condor verletzt und weiter gespielt. Da hat sich erst im Nachhinein rausgestellt, dass das ein doppelter Bänderriss war. Also mussten wir dann auch noch auf unseren Kapitän verzichten“, so der 31-Jährige. Und dann war da ja auch noch Julian Schmid, den gegen Buchholz erwischte: „Er hat mir noch gesagt, dass es schon nichts schlimmes sein wird, weil er noch nie ernsthaft verletzt war – und dann war es ein Außenbandriss“, blickt Kruk auf die Liste der Hiobsbotschaften.

„Wir sind auf Schlagdistanz und im Pokal noch dabei – das ist eine super Sache“

Ob Kruk und Assistent Enrico Klüver (re.) auch nach der Winterpause als Trainer-Duo auf der Bank sitzen, ist noch offen. Foto: Bode

Die sollte sich nich verschlimmern. Allerdings nicht in Form von Verletzungen, sondern eben in Form von jenem „Trainer-Theater“ um Jean-Pierre Richter, der gleichzeitig Sportlicher Leiter und Fußball-Abteilungsleiter war und von Präsident Ronald Lotz die Kündigung bekam. Richter – eng mit seinem Team verbunden – wollte als Coach trotzdem weitermachen und fand ein Agreement mit Lotz. Hinter den Kulissen gab es Woche um Woche Nebenschauplätze, die teilweise zu wichtigeren Meldungen gerieten als Erfolge wie beispielsweise der 1:0-Sieg gegen die TuS Dassendorf. „Mit Ausnahme des Spiels gegen Altona, wo wir wirklich nicht gut waren, kann ich den Jungs attestieren, dass es bislang eine gute Runde war – aber eben auch nichts sehr gutes“, erklärt Kruk, der unterstützt von Ex-A-Jugend-Trainer Enrico Klüver als „Co“ seit eben jenem Dassendorf-Match die Mannschaft (vorerst) als vorübergehender „Chef“ coacht. Die Begründung für seine Analyse? Die liefert Benjamin Kruk direkt nach.

„Wir sind in der Liga noch auf Schlagdistanz zu den Teams ganz oben. Auch im Pokal sind wir noch dabei. Das ist eine super Sache, wenn man bedenkt, was bei uns alles los war. Wir haben gegen drei Teams aus den Top Fünf schon gewinnen können. Das zeigt die Entwicklung der Mannschaft“, resümiert er. Seine Equipe, so der 31-Jährige, „kann in guter Verfassung und wenn alle fit sind, jede Mannschaft der Liga schlagen. Ich glaube, dass dieser Glaube bei den Jungs in der Saison davor so noch nicht da war.“ Zwar habe das Team in Spielen wie beim 3:3 gegen Wedel und dem 3:3 gegen Sasel (Kruk: „Da gehen wir in der 92. Minute mit 3:2 in Führung – so ein Spiel darfst du dann nicht mehr verlieren“) Punkte liegengelassen, aber „unsere gute Serie hat erst, als es nach dem Curslack-Spiel (Vicky verlor mit 1:2, Anm. d. Red.) unruhig wurde, begonnen. Die Mannschaft hat sich nicht hinter Alibis versteckt, sondern performt.“ Ob sie dies auch kpnftig unter Kruk als Coach tut, ist noch offen. Bis zum Trainingsbeginn am 8. Januar soll eine dauerhafte Entscheidung in der Trainerfrage fallen...

Jan Knötzsch

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