17.01.2018

Richters „Mammutplan“ - „Nur das Erfolgserlebnis hat gefehlt“

Gute Victorianer unterliegen der U23 des FC St. Pauli nur knapp

Im Testkick an der Hoheluft setzte sich Regionalligist St. Pauli II knapp gegen den Oberligisten SC Victoria durch.

Hier ein Testspiel, da ein Hallenturnier und zwischendrin noch eine Trainingseinheit. Jean-Pierre Richter hat seinen Spielern beim SC Victoria einen „Mammutplan auferlegt“, wie er selbst konstatiert. Der Vergleich mit Regionalligist FC St. Pauli II am Mittwochabend sollte „über 90 Minuten eine gute und intensive Einheit“ werden. „Vor allem, wenn man bedenkt, dass es der siebte Tag in Folge unter Belastung war. Deshalb war auch beim einen oder anderen Spieler die Frische nicht mehr so da. Aber jetzt haben die Jungs erstmal zwei Tage Ruhe“, lässt Richter nun erstmal – zumindest für kurze Zeit – Gnade walten. 

Durchaus überraschend war die Tatsache, dass der Kiezkicker-Nachwuchs den klassentieferen Victorianern in der ersten Viertelstunde auf dem neuen Kunstrasen im Stadion Hoheluft fast ausnahmslos den Ball überließ. Erst nach gut 20 Zeigerumdrehungen nahmen auch die Gäste am Spielgeschehen teil – und das dann gleich so richtig. Seung-Won Lee bediente Christian Viet mit einem Pass in die Schnittstelle – und Victorias Yannick Petzschke kam gegen den „23er“ der Braun-Weißen zu spät. Elfmeter. Kapitän Benjamin Nadjem verwandelte cool und abgezockt zur Führung (23.). Der Treffer gab den „Kiezkickerchen“ Auftrieb, der Regionalligist übernahm nun mehr und mehr das Ruder – und hatte weitere Chancen, den Spielstand zu verdoppeln. Beispielsweise nach eine halben Stunde, als Vicky-Keeper Victor Medaiyese aus seinem Tor eilte und einen Steilpass zunächst in höchster Not klären konnte – allerdings etwas zu kurz. Irwin Pfeiffer schloss direkt ab – doch Medaiyese bekam noch die Fußspitze an den Ball und lenkte die Kugel damit um Zentimeter am linken Pfosten vorbei (30.). „Nach zehn Tagen mit ein paar neuen Gesichtern haben wir bisher noch nicht viele Schritte im spieltaktischen Bereich gemacht, sondern vor allem an den Grundlagen gearbeitet. Ich habe den Jungs viel Input gegeben – und wir haben heute auch gesehen, wo wir noch nicht sind“, so Richter.

Ausgleich auf Fuß und Kopf: Neuzugang Lindholm weiß zu gefallen

Erzielte von Elfmeterpunkt das goldene Tor für die U23 der Kiezkicker: Benjamin Nadjem. Foto: KBS-Picture

Der Übungsleiter des SCV sah – nach eigentlich gutem Beginn – eine deutlich bessere zweite Halbzeit seiner Schützlinge, was „eventuell auch den Umständen und Wechseln geschuldet war“, wie er meinte. „Nach der Pause war ein bisschen mehr Struktur und Ordnung im Spiel und es hat uns auch etwas mehr Sicherheit gegeben, dass der Gegner angefangen hat, Fehler zu machen. Da waren sie in der ersten Halbzeit doch sehr gut. Schade, dass wir uns nicht belohnen, weil man die eine oder andere Situation dann doch besser hätte ausspielen können.“ Gut ausgespielt war jene Situation in der 52. Minute, als Luca Ernst nach Scharkowskis gutem Nachsetzen urplötzlich auf und davon war, im letzten Augenblick aber noch leicht irritiert werden konnte, sodass sein Abschluss an den rechten Pfosten klatschte. Ebenfalls äußerst sehenswert herauskombiniert war die große Chance zum Ausgleich in Minute 74 durch den ganz frisch eingetüteten Winter-Zugang Torben Lindholm (SCALA), der nach seiner Einwechslung zur zweiten Hälfte zu überzeugen wusste. Über Klaas Kohpeiß und Nick Scharkowski, der von rechts flach nach innen passte, kam das Spielgerät zu eben jenem Lindholm, der allerdings im Eins-gegen-Eins scheiterte. Kurze Zeit zuvor war es wiederum der Hinrunden-Knipser des Hammonia-Landesligisten SC Alstertal-Langenhorn, der nach einem Eckball von André Monteiro Branco ans Außennetz köpfte (70.).

„Wir wissen genau, wo wir ansetzen müssen“

Ein Ausgleich wäre mittlerweile verdient gewesen – zumal auch Scharkowskis Versuch, völlig freistehend noch einmal für Monteiro Branco quer zu legen, misslang (63.). Die einzig wirklich nennenswerte Torchance der Philipkowski-Mannen in den zweiten 45 Minuten hatte der eingewechselte Youngster Christian Conteh, der zunächst zu einem beherzten Sololauf ansetzte, Vickys neuen Innenverteidiger Yannick Siemsen überspurtete und dann auch noch Dennis Lohmann im Gehäuse umkurvte – dann aber aus halbrechter Position am leeren Tor vorbeischob (71.). Es blieb am Ende beim 0:1 aus Gastgeber-Sicht und Richter bilanzierte: „Es war ein guter Test gegen eine sehr starke Mannschaft mit vielen talentierten Spielern. Ich bin nicht unzufrieden. Natürlich hätte ich mir ein etwas besseres Ergebnis gewünscht, aber wir arbeiten weiter und wissen, wo wir hinkommen müssen bis Anfang Februar – und ich denke, das werden wir auch schaffen. Denn wir wissen genau, wo wir ansetzen müssen, was die Schnelligkeit, Passgenauigkeit und auch das Spiel nach vorne angeht.“

„Mit der Entwicklung werden auch die Erfolge auf dem Platz kommen“

Vicky-Coach Jean-Pierre Richter sieht seine Mannen auf einem guten Weg. Foto: KBS-Picture

Kommen wir abschließend noch einmal zum „Mammutplan von JPR“, der seine Truppe damit in der Oberliga-Rückrunde ans Leistungsmaximum bringen will. „Grundsätzlich geht es darum, die Spielidee nicht nur zu verinnerlichen, sondern auch den richtigen Ansatz zu finden. Da kann man natürlich die einfachen Wege finden – und heute sollten die Jungs gerade im Ballbesitz nochmal mehr und flexibler im Positionsspiel sein. Das haben wir nicht immer gut geschafft, hatten aber auch nicht bei allen die nötige Frische, sodass man gemerkt hat, dass der eine oder andere Weg schwer wurde und viele Pässe ungenau waren. Es war nicht jedes Puzzleteil da, wo es hingehört. Deshalb wurden die Wege weit und auch ein bisschen instabil“, spricht Richter insbesondere auf den ersten Spielabschnitt an. „Wenn man überlegt, dass das der siebte Tag in Folge mit Belastung war, ist es zum Ende dieses ersten großen Steps, den ich für die Jungs gelegt habe, natürlich eine Mammutaufgabe, gegen den wahrscheinlich stärksten und attraktivsten Gegner der Vorbereitung das Geforderte auf den Platz zu bekommen. Das haben wir nicht ganz geschafft. Trotzdem sind wir hintenraus zu ein paar klaren Torchancen gekommen, nur das Erfolgserlebnis hat gefehlt. Aber auch so glaube ich, dass wir von der Dosierung und vom Körperzustand genau da sind, wo wir sein wollen. Gerade gegen einen Regionalligisten vom Körperlichen her in der zweiten Halbzeit nicht einzubrechen, finde ich schon eine sehr tolle Geschichte. Und mit der Entwicklung werden auch die Erfolge auf dem Platz kommen.“

Autor: Dennis Kormanjos

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