Rückblick: WM 1974 in der BRD - Ein Kraftakt gegen den totalen Fußball

Nach dem Kraftakt gegen den totalen Fußball: Franz Beckenbauer (von links), Sepp Maier, Paul Breitner und Jürgen Grabowski.
Die selbstorganisiert feiernden und qualmenden deutschen Nationalspieler Gerd Müller (von links), Dieter Herzog, Norbert Nigbur und Paul Breitner wurden zu einem der Markenzeichen der WM.

von Uwe Wetzner

Die Wunden des ersten Frontalzusammenstoßes einen Monat zuvor waren noch nicht ansatzweise verheilt, da rasselten Alt und Neu erneut ungebremst aufeinander.
Der Fußball verdankt Franz Beckenbauer unendlich viel, unsterblicher Ruhm gebührt ihm für die Schilderung des Festbanketts im Anschluss an das WM-Finale im Münchener Hilton-Hotel. Nachdem die Spieler und als einzige Frau Susi Hoeneß Platz genommen hatten – „Niemand wusste, wo unsere Frauen waren“ – sei ein Ober gekommen und habe zu Susi Hoeneß gesagt, „Ich muss Sie leider bitten, den Saal zu verlassen. Wer hat das gesagt, brauste Uli auf. Der Herr Deckert hat angeordnet, dass die Spielerfrauen, pardon, die Damen, nicht hier platziert werden dürfen (…) Wir weigerten uns, der Aufforderung nachzukommen. Plötzlich stand Herr Deckert an unserem Tisch. Er blickte auf Susi und befahl: Keine Frauen, Sie haben doch die Einladung gelesen. Aber da sind ja auch andere Frauen, sagte Uli Hoeneß. Er wies auf Mädchen am Pressetisch und auf einige ältere Damen im Nerz und mit gefährlich schaukelnden Perücken an der Funktionärstafel. Deckert (DFB-Spielausschuss-Vorsitzender, Anm. d.Red.) legte die Hände flach auf den Tisch und erwiderte wütend: Das sind die Damen der Offiziellen, das ist etwas ganz anderes. Hier herrscht noch Zucht und Ordnung. Maßen Sie sich nicht Rechte an, die Ihnen nicht zustehen.“Uli Hoeneß konnte schon damals sehr wütend werden und verließ mit seiner Frau den Saal. Beckenbauer und andere Spieler, auch niederländische“ folgten ihnen. „Ihr seid durch und durch Feierabendfunktionäre. Bei uns, beim FC Bayern, hätten euch die Leute längst zum Teufel gejagt“, blaffte Beckenbauer beim Hinausgehen noch Hermann Joch an, einen anderen altgedienten DFB-Funktionär. Anschließend wurde eine selbstorganisierte Feier auf die Beine gestellt, an der auch Diego Maradona seine helle Freude gehabt hätte.

Einen weitaus folgenschwereren Bruch mit der Vergangenheit hatte der Welt-Fußballverband zu diesem Zeitpunkt bereits hinter sich: Auf dem FIFA-Kongress 1974 in Frankfurt wurde der Brasilianer Joao Havelange in einer Kampfabstimmung Nachfolger des Engländers Stanley Rous als Präsident der Organisation. Dies war Ausdruck des Übergangs von einem altgedienten, ehrwürdigen Funktionär zu einem mit allen Wassern gewaschenen Funktionärsunternehmer, der Verschiebung der Schwergewichte weg von Europa. Unter dem bis 1998 herrschenden, skandalumwitterten Havelange wurde die FIFA zu einem milliardenschweren, rücksichtslosen Interessenverband. Seine Macht fußte auf den Stimmen aus Südamerika, Asien und Afrika, finanziert wurde sie von den Millionen einiger Großkonzerne, die sich mit der FIFA neue Märkte erschlossen, allen voran ein globaler Brausehersteller und ein Drei-Streifen-Schuhproduzent.

So verwundert es auch nicht, dass 1974 eine WM erstmals primär um die Erfordernisse der Medien herum organisiert wurde – von technischen Notwendigkeiten bei der Architektur der Stadien bis hin zum Austragungsmodus. Durch eine Vorstrukturierung der Gruppenauslosung wurden „Hammer“- wahlweise „Todesgruppen“ von vornherein verhindert, reichweitenträchtige Mannschaften sollten sich möglichst beschwerdefrei qualifizieren können. Zudem war der Austragungsmodus erstmals seit 1958 wieder geändert worden. Das K.o.-System nach den Gruppenspielen wurde von einer zweiten Finalrunde von zwei Gruppen á vier Mannschaften ersetzt, mit der wesentlich höhere Einnahmen zu erzielen waren. Sensationen waren damit so gut wie ausgeschlossen.

Der brillante Europameister von 1972 ging als Turnierfavorit in diese Weltmeisterschaft. Doch bereits während der Vorbereitung im malerischen Horrorkabinett von Malente, der Sportschule des schleswig-holsteinischen Fußballverbands, wäre das ganze Unternehmen beinahe gescheitert – an einem fünfzehnstündigen Gefeilsche um die WM-Prämie. Der Kader wollte sich nicht mit den vom DFB angebotenen 30.000 Mark zufrieden geben, auch die ins Feld geführte „Ehre“ und der „Dank des Vaterlands“ beindruckten nur unwesentlich. Franz Beckenbauer und die Seinen kannten ihren wesentlich höheren Marktwert, die kickenden Geschäftsleute erzwangen schließlich 60.000 Mark. Um den Preis, dass in DFB-Kreisen über den Rauswurf des gesamten Kaders und die Entsendung einer „B-Elf“ nachgedacht wurde und der vom Gefeilsche angewiderte Bundestrainer Helmut Schön beinahe abgereist wäre.

Den spielerischen Takt gab aber zunächst eindeutig die von Rinus Michels trainierte Auswahl der Niederlande um ihren Weltklasse-Spiellenker Johan Cruyff mit dem „totaal voetbal“ ihres 4-3-3-Systems an. Der niederländische Kader gruppierte sich um die Akteure Ajax Amsterdams, die 1971, 1972 und 1973 den Europapokal der Landesmeister gewonnen hatten, die DFB-Auswahl hatte ihren „Bayern-Block“, die Landesmeister-Cupsieger der folgenden drei Jahre. Das Selbstbewusstsein der niederländischen Spieler war dabei noch ausgeprägter, ihr arroganter Hang zur Selbstüberschätzung sollten ihnen später eine folgenschwere 1:2-Finalniederlage einbringen.

Die DFB-Auswahl würgte sich wie fast schon traditionell mehr schlecht als recht durch die Gruppenspiele, nach dem negativen Höhepunkt der 0:1-Niederlage im „Bruderduell“ gegen die DDR am 22. Juni in Hamburg übernahm Franz Beckenbauer gewissermaßen im Handstreich die sportliche Verantwortung anstelle Helmut Schöns. Der Bundestrainer war klug genug, fortan alle seine Maßnahmen mit Beckenbauer abzusprechen oder ihm gar die Entscheidungen zu überlassen. Die Abkehr vom spektakulären Angriffsfußball der vergangenen EM und die Entscheidung zwischen den beiden Mittelfeldstrategen Günter Netzer und Wolfgang Overath zugunsten des Kölners waren die wichtigsten und trugen wesentlich zum späteren Titelgewinn bei. Die Mannschaft steigerte sich insbesondere kämpferisch in Sprüngen.

Mit dem vielleicht cleversten taktischen Schachzug wartete allerdings Europas auflagenstärkste Tageszeitung mit den großen Buchstaben auf. Der „Wasserschlacht von Frankfurt“ gegen Polen folgte die Schlammschlacht von Hiltrup. Die „BILD-Zeitung“ berichtete in gewohnter Aufmachung von Pool-Partys mit nackten Frauen im Quartier des Finalgegners. Mit der Folge, das Johan Cruyff die gesamte Nacht vor dem Finale am Telefon seine aufgebrachte Ehefrau Danny habe besänftigen müssen. Nur sein Endspiel-Schatten Berti Vogts sollte dem hageren Kettenraucher bei diesem Turnier noch mehr zusetzen. Unausgeschlafen und von Vogts permanent malträtiert, war vom besten Spieler dieser Weltmeisterschaft ausgerechnet in der zweiten Halbzeit des Endspiels so gut wie nichts mehr zu sehen.

In dem hatte zunächst alles daraufhin gedeutet, dass die Niederlande wie die meisten Gegner zuvor auch die DFB-Auswahl in Grund und Boden spielen würde. Aber es schien eben nur so und das begründete das beinahe traumatische, aus der Gleichzeitigkeit von Überlegenheits- und Unterlegenheitsgefühlen gespeisten Verhältnis der niederländischen zur DFB-Auswahl, den beiden zukünftigen „Erzrivalen“.„Wir wollten uns aus den Deutschen einen Spaß machen. Wir dachten nicht darüber nach, aber wir taten es. Wir ließen den Ball in den eigenen Reihen laufen, aber wir vergaßen, das zweite Tor zu schießen. Wenn du den Film vom Spiel siehst, siehst du, dass die Deutschen immer verärgerter wurden. Es war unsere eigene Schuld“, blickte der niederländische Rechtsaußen Johnny Rep später auf eine verpasste, einmalige Chance zurück.

Hennes Weisweiler urteilte nüchtern: „Die deutsche Mannschaft spielte einen technisch hervorragenden Fußball. Vielleicht hat der Europameister 1972 in Brüssel in spielerischer Hinsicht mehr brilliert, kämpferisch war er nicht stärker. Der Fußballweltmeister von 1974 wird ein Vorbild bleiben an Kampfkraft, Entschlossenheit und Siegeswillen.“

Das DFB-Aufgebot:

Tor: Sepp Maier (FC Bayern München), Wolfgang Kleff (Borussia Mönchengladbach), Norbert Nigbur (FC Schalke 04).

Abwehr: Franz Beckenbauer (FC Bayern München), Paul Breitner (FC Bayern München), Bernhard Cullmann (1. FC Köln), Horst Dieter Höttges (Werder Bremen), Georg Schwarzenbeck (FC Bayern München), Hans Hubert Vogts (Borussia Mönchengladbach).

Mittelfeld: Rainer Bonhof (Borussia Mönchengladbach), Heinz Flohe (1. FC Köln), Uli Hoeneß (FC Bayern München), Jupp Kapellmann (FC Bayern München), Günter Netzer (Real Madrid), Wolfgang Overath (1. FC Köln), Herbert Wimmer (Borussia Mönchengladbach).

Angriff: Jürgen Grabowski (Eintracht Frankfurt), Dieter Herzog (Fortuna Düsseldorf), Jupp Heynckes (Borussia Mönchengladbach), Bernd Hölzenbein (Eintracht Frankfurt), Helmut Kremers (FC Schalke 04), Gerd Müller (FC Bayern München).

Fakten und Ergebnisse:

13. Juni bis 7. Juli
Weltmeister: BRD
Zuschauer: 1.907.765 (Schnitt: 50.200)
Tore: 97, Schnitt: 2,6
Erfolgreichster Torschütze: Grzegorz Lato (Polen) 7 Tore.

1.Finalrunde

Gruppe 1
14.6. BRD – Chile 1:0
15.6. DDR – Australien 2:0
18.6. Australien – BRD 0:3
18.6. Chile – DDR 1:1
22.6. DDR – BRD 1:0
22.6. Australien – Chile 0:0

Gruppe 2
13.6. Brasilien – Jugoslawien 0:0
14.6. Zaire – Schottland 0:2
18.6. Schottland – Brasilien 0:0
18.6. Jugoslawien – Zaire 9:0
22.6. Schottland – Jugoslawien 1:1
22.6. Zaire – Brasilien 0:3

Gruppe 3
15.6. Schweden – Bulgarien 0:0
15.6. Uruguay – Niederlande   0:2
19.6. Niederlande – Schweden 0:0
19.6. Bulgarien – Uruguay 1:1
23.6. Schweden – Uruguay 3:0
23.6. Bulgarien – Niederlande 1:4

Gruppe 4
15.6. Italien – Haiti 3:1
15.6. Polen – Argentinien 3:2
19.6. Haiti – Polen 0:7
19.6. Argentinien – Italien 1:1
23.6. Polen – Italien 2:1
23.6. Argentinien – Haiti 4:1

2. Finalrunde

Gruppe A
26.6. Niederlande – Argentinien 4:0
26.6.Brasilien – DDR 1:0
30.6. Argentinien – Brasilien 1:2
30.6. DDR – Niederlande 0:2
3.7. Niederlande – Brasilien 2:0
3.7. Argentinien – DDR 1:1

Gruppe B
26.6.Schweden – Polen 0:1
26.6. Jugoslawien – BRD 0:2
30.6. Polen – Jugoslawien 2:1
30.6. BRD – Schweden 4:2
3.7. Schweden – Jugoslawien 2:1
3.7. Polen – BRD 0:1

Spiel um Platz 3
6.7. Polen – Brasilien 1:0

Finale
7.7. BRD – Niederlande 2:1